Die Leipziger Buchmesse bot vier Tage lang ein beeindruckendes Spektakel: in die Messehallen strömende Besucher, inspirierende Gespräche sowie aufregende Diskurse in gut besuchten Foren,

lange Warteschlangen vor den Verlagsständen des Trend-Genres „New Adult“ beziehungsweise „Dark Romance“, überfüllte Veranstaltungsorte bei Lesungen überall in der Stadt.
Eine große Gemeinschaft lesebegeisterter Menschen, darunter Fans der Manga Comic Con, Cosplayer sowie Autorinnen und Autoren mit ihren Verlagen, feierte ein Fest der Bücher.
„Es ist Buchmesse, und hier ist immer was los“, äußerte sich der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer während der Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse. Dabei meinte er vor allem die Proteste gegen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der während des Festakts im Gewandhaus Kritik und Buhrufe von Teilen des Publikums aushalten musste, weil er drei Buchläden vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen und die Verleihung kurzfristig abgesagt hatte. Kultur- und gesellschaftspolitische Debatten findet Kretschmer gut, denn dass diese heute geführt werden können, dafür sind die Menschen am 9. Oktober 1989 auf die Straße gegangen. Nun fordert er den Kulturstaatsminister auf, Taten folgen zu lassen.
„Leipzig liest“ mit Anselm Oelze
„Wo Geschichten verbinden“, das Motto der Buchmesse, finden Menschen zueinander, entstehen Freundschaften und öffnen sich neue Welten. So wie bei den Geschichten des kroatisch-bosnischen Schriftstellers Miljenko Jergović, der den diesjährigen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung gewann oder wie bei Katerina Poladjans Roman „Goldstrand“, für den die Autorin den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Überhaupt bewies das Lesefestival „Leipzig liest“ einmal mehr seine Attraktivität als Publikumsmagnet der Buchmesse, indem es ca. 3000 Veranstaltungen an über 300 Leseorten in Leipzig anbot.

Eine dieser Lesungen fand am Donnerstagabend der Buchmesse im dzb lesen in der Gustav-Adolf-Straße 7 statt. Dort präsentierte Anselm Oelze vor einem zahlreich erschienenen Publikum seinen aktuellen Roman „Die da oben“ und las Auszüge daraus vor. Der Autor, der zuvor bei einem Rundgang mehr über das Haus erfahren hatte, zeigte sich besonders erfreut darüber, dass sein Roman sowohl in Braille- als auch in Großschrift erschienen ist – und vor allem auch, dass Anja Lehmann vom dzb lesen Passagen seines Romans in Brailleschrift vortrug.
Braillenoten im Musikcafé, taktile Bücher am dzb lesen-Stand und Brailleschreiben in Workshops
Die engagierte Frau, die als Übersetzerin und im dzb lesen als Korrekturleserin tätig ist, war auch am Buchmesse-Freitag auf dem Messegelände aktiv. Gemeinsam mit René Holzhauer informierte sie im Musikcafé in Halle 2 über das Musikprojekt „Do it!“, das vom Förderverein des dzb lesen „Freunde des barrierefreien Lesens e.V.“ organisiert wurde und stellte die Braillenotenschrift sowie DaCapo, die Braillenotenproduktion im dzb lesen, vor.

In unmittelbarer Nähe zum Musikcafé zeigte der Stand des dzb lesen eine Vielzahl taktiler Kinderbücher, Kalender, Atlanten und Großdruckbücher. Er war zeitweise dicht umlagert – von Pädagogen und Pädagoginnen, älteren Menschen, die schlecht sehen können, und einem Publikum, das besonders an den taktilen Kinderbüchern interessiert war. „Was bedeutet eigentlich barrierefreies Lesen?“, fragte eine Frau mittleren Alters, staunte über die Vielfalt der ausgestellten Produkte und nutzte die Gelegenheit, ihren Namen in Brailleschrift zu schreiben.

Rund um die Brailleschrift und seinen Erfinder ging es auch am Donnerstag- und Freitagvormittag in den Workshops des Jugendcampus UVERSE, der Kreativwerkstatt der Leipziger Buchmesse. Hier lauschten die jungen Messebesucher Anja Kästner und Liane Völlger vom dzb lesen, die anschaulich in das Braille-Alphabet einführten und vom Leben und der Erfindung Louis Brailles erzählten. Anschließend hatten die Kinder und Jugendlichen ausreichend Zeit, um eigene Wörter und Sätze auf der Pichtmaschine zu schreiben und so praktische Erfahrungen mit der Schrift zu sammeln.

Lyrik in Braille
„Wo Geschichten verbinden“, sollte Vielfalt aktiv gestaltet werden, wie zum Beispiel auch folgendes poetische Experiment, das ein Plädoyer für Teilhabe und Inklusion ist. In Halle 5 im Forum Sachbuch „Kontexte“ lud Moderator und Lyriker Leander Sukov dazu ein, Lyrik mit Augen und Händen zugleich zu entdecken. Er stellte eine besondere Anthologie vor: „Seht her – Poesie in Braille“, herausgegeben von Marco Sagurna. Diese sammelt Gedichte von 25 Autorinnen und Autoren und ist sowohl in Schwarz- als auch in Brailleschrift erschienen. Der Druck wurde im dzb lesen realisiert. Im Gespräch mit Susanne Siems vom dzb lesen erfuhr das Publikum von den Aufgaben des Hauses als Produktionszentrum von Literatur, als Bibliothek und Dienstleister. Die blinde Autorin und Malerin Salean A. Maiwald berichtete von den Herausforderungen, denen sie sich als blinde Künstlerin stellen muss.

Die Leipziger Buchmesse ist nun Geschichte. Die Messehallen sind geleert, die Regale abgeräumt. Doch für alle Beteiligten des dzb lesen – ob am Stand, in den Workshops, bei Lesungen oder auf der Bühne – bleiben diese Tage unvergessen und werden in den kommenden Wochen noch vielfach nachwirken. Auf Wiedersehen zur Leipziger Buchmesse 2027!
