Ich singe alles gern, was singbar ist …

Flyer-Text: Mendelssohn-Braille-Bartholdy, Alte Handelsbörse, 24.10.2018

Am 24. Oktober 2018 lädt der Lions Club Leipzig „Felix Mendelssohn Bartholdy“ und der Förderverein „Freunde der DZB e.V.“ zu einem Benefizkonzert für blinde Musiker in die Alte Handelsbörse Leipzig ein. Die Sopranistin Gerlinde Sämann, selbst blind, wird Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy singen. Der Erlös des Konzertes hilft, die weltlichen Chorwerke des berühmten Komponisten in Braillenoten zu produzieren. Gabi Schulze traf die Sängerin Anfang Juni schon einmal in Leipzig.

Sie personifiziert die Leichtigkeit des Seins. Ihre Füße berühren nur sacht den Boden. In ihrem langen, sommerlichen Kleid erscheint sie wie eine Elfe, die gleich davonschwebt. Ihre Stimme klingt angenehm hell und warm. Und schon jetzt bedauere ich, dass ich sie am Abend nicht singen hören kann.

Wir treffen uns einige Stunden vor dem Eröffnungskonzert des Bachfestes, das in der Thomaskirche stattfindet und wo Gerlinde Sämann Werke von Johann Hermann Schein singen wird. Auf dem Weg zu einem kleinen Café in der Nikolaistraße erzählt sie mir, dass ihr Leipzig sehr gut gefällt und sie mit ihrer Freundin auch schon im Clara-Park war. Lampenfieber vor dem Konzert heute Abend? Nein, das habe sie nicht. Die Proben sind alle gut verlaufen. Sie sei guter Dinge.

Bach, Mendelssohn-Bartholdy, Mozart und Brahms singt Gerlinde Sämann sehr gern. Aber ein absolutes Lieblingsstück? Sie überlegt. Nein, das hat sie nicht. Dafür war die Matthäus- Passion, die sie als 11-jähriges Mädchen das erste Mal hörte, ein unglaublich emotionales Erlebnis für sie, das sie nie vergessen wird. Sie empfand die Passion wie eine Offenbarung, weil das, was sie fühlte, in der Musik aufging. Ganz sicher hatte dieses Erlebnis auch Auswirkungen auf ihre musikalische Laufbahn. Doch diese, das betont die Sängerin, war so nicht geplant. Es hat sich einfach alles so ergeben.

„Ich glaube, ich bin schon mit Musik geboren …“

Gerlinde Sämann wird 1969 in Nürnberg geboren. Musik spielt in ihrem Elternhaus weniger eine Rolle. Viel mehr Einfluss auf den musikalischen Werdegang des Mädchens haben die Musiklehrer an ihrer Schule. Sie lernt Flöte und Klavier. „Ich glaube, ich bin schon mit Musik geboren, die Musik war schon immer da. Ich habe alles, was ich gehört habe, was musikalisch war, in mich aufgesaugt“, sagte die Sängerin einmal einem Journalisten. Sie schafft es auf das Richard-Strauß-Konservatorium in München, studiert zunächst Klavier und später Gesang.

Seitdem tritt die Sopranistin solistisch mit den verschiedensten Ensembles auf, wie beispielsweise dem Balthasar-Neumann-Chor, dem Dresdner Kammerchor, dem Dresdner Kreuzchor, Cantus Cölln u.a. Sie wirkt bei vielen Festivals mit und arbeitet mit bekannten Dirigenten wie Joshua Rifkin, Howard Arman, Ton Koopman und Hans-Christoph Rademann zusammen. Mit letzterem und dem Dresdner Kammerchor hat sie die gesamten Werke von Heinrich Schütz eingespielt. Für diese übrigens, habe ich erfahren, hat sich Gerlinde Sämann die Braillenoten aus der DZB kommen lassen.

Braillenoten sind unverzichtbar

„Ich bin unglaublich froh, dass es den Notenübertragungsdienst DaCapo in der DZB gibt“, beginnt die Sopranistin ihre Lobesrede. „Ich kenne Herrn Purtov. Wir kennen uns schon eine Weile. Ich bin natürlich immer spät dran. Und er ist total nett und versucht mir entgegenzukommen. Er ist unglaublich kulant und gewissenhaft. Die Noten sind total sauber. Es ist einfach toll, dass es diesen Service gibt!“

In Augsburg, wo sie mit ihrer Tochter lebt, „bastelt“ sie sich am Computer ihre eigene Variante, so dass sie den Teil, den sie singt, flüssiger lesen kann. Bei ihren Auftritten liegen die Noten entweder auf einem Pult oder sie hält sie in der Hand und liest mit der rechten Hand. Gerlinde Sämann schmunzelt, als ich sie frage, ob sie auch nach Gehör singt: „Es ist zu ungenau. Notenlängen kann man nicht gut hören. Man stellt sich vor, es ist eine halbe Note, aber in Wirklichkeit ist es eine punktierte Viertelnote mit einer Achtelpause. Dann hält man den Ton zu lang. Man muss die Pause aber exakt mitsingen. Das geht nur mit Noten.“

Für Gerlinde Sämann ist die Musik eine Brücke, über die sie ihre Außenwelt wahrnimmt. Sie verinnerlicht sie voll und ganz und schöpft daraus ihre Energie. So spürt sie die Atem- und Körperbewegungen des Dirigenten und kann dadurch exakt auf den Einsatz des Dirigenten reagieren, obwohl sie ihn nicht sieht. Das funktioniert natürlich nicht bei jedem. „Es gibt Dirigenten, die dirigieren nur fürs Auge, da überträgt sich nichts. In solchen Fällen muss ich den Kollegen neben mir bitten, mit einzuatmen.“

Mit „Vocame“ und Liedern aus dem Mittelalter unterwegs

Im Laufe der Zeit hat Gerlinde Sämann ein beachtliches Repertoire aufgestellt, das von Alter Musik über Barock und Romantik bis zur Neuen Musik reicht. „Ich singe alles gern, was singbar ist. Es gibt eine Form von neuer Musik, die so im Kopf komponiert ist, die wirklich als nicht singbar erscheint. Und selbst da findet man einen Weg, das singbar zu machen. Ich lasse mich auf das ein, was ich habe. Auch aus langweiligen Stücken kann man etwas machen.“ Die Sängerin lächelt: „Das ist wie mit Hörbüchern. Es gibt so gute Sprecher, die können das Telefonbuch vorlesen und das ist dann irgendwie interessant.“

Seit 2009 gehört Gerlinde Sämann dem Vokalensemble „Vocame“ an. Gemeinsam mit drei Sängerinnen aus dem Bereich der Alten Musik singt sie Lieder aus dem Mittelalter, u.a. von Hildegard von Bingen, und byzantinische Musik. Begeistert erzählt die Künstlerin, dass das Ensemble etwas ganz Besonderes ist und die Sängerinnen einen sehr speziellen Klang entwickelt haben.

Auf das Konzert im Herbst in der Alten Handelsbörse freut sie sich schon. Mendelssohn-Bartholdy ist einer ihrer großen Komponisten. Die Sängerin verspricht ein interessantes Solo-Programm, in dem sie – begleitet vom Klavier – nicht nur Lieder von Mendelssohn, sondern auch anderen ihm nahe stehenden Komponistinnen und Komponisten aufführen wird.

Eine zweite Chance für mich, Gerlinde Sämann singen zu hören.

Informationen

Benefizkonzert „Noten für blinde Musiker“, 24. 10. 2018 in der Alten Handelsbörse, Naschmarkt 2, Leipzig,
18.30 Einführung, 19.30 Uhr Konzertbeginn, Tickets 25 Euro unter https://de.xing-events.com/SVAJAPO, Telefon: 03417113146, Restkarten an der Abendkasse
Mit dem Besuch des Konzertes, aber auch einer Notenpatenschaft oder einer Spende unterstützen Sie die Produktion von mehr Braillenoten für blinde Musiker.
www.freunde-der-dzb.de

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