Mit LEGO Steinen die Brailleschrift entdecken

LEGO Braillesteine (oben Brailleschrift als Noppen, unten Schwarzschrift) auf Grundplatte. Es sind die Wörter dzb lesen gelegt.
Bunte LEGO Braillesteine

Spielend die Brailleschrift lernen – das können blinde und sehbehinderte Kinder mit Hilfe der von der LEGO Stiftung entwickelten Braille-Steine. Das Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen) ist Partner der LEGO Stiftung. Seit Sommer 2020 verteilt das dzb lesen die von der Stiftung bereitgestellten LEGO Braille-Sets kostenlos über ausgewählte Einrichtungen, Förderzentren, Blinden- und Sehbehinderten-Schulen an blinde und sehbehinderte Kinder. Zudem unterstützt es die LEGO Stiftung bei der Vermittlung des pädagogischen Konzepts.

Kinder lernen am besten im Spiel. Die kleinen bunten LEGO-Steine kennt jedes Kind. Damit kann es Häuser, Türme und Figuren bauen. Vor einigen Jahren hat die LEGO Stiftung mit Unterstützung von Braille-Experten Braille-Steine konzipiert. Diese haben nicht wie gewohnt parallel angeordnete runde Noppen zum Stapeln und Bauen, sondern das Sechs-Punkte-System der Brailleschrift. Die Braille-Steine sollen blinden und sehbehinderten Kindern helfen, die Brailleschrift im Spiel zu erlernen – und das auch gemeinsam mit sehenden Kindern. Dieses spielerische und integrative Konzept begeistert sowohl Eltern und Kinder, als auch Pädagogen und Erzieher.

Die Idee zu den LEGO Braille-Steinen wurde von der Danish Association of the Blind 2011 an die LEGO Gruppe herangetragen. Aber auch andere Blindenverbände aus Brasilien, Dänemark, Großbritannien und Norwegen engagierten sich für diese Innovation.

Spielideen für Leseanfänger und Fortgeschrittene

Tastbare Noppen auf der Oberseite der Braille-Steine geben die Buchstaben und Zahlen des Braille-Alphabets wieder. Zusätzlich sind die Steine mit Buchstaben, Zahlen und Symbolen bedruckt. „Das Set enthält 300 Braille-Steine, die das gesamte Alphabet, die Zahlen 0 bis 9 sowie ausgewählte mathematische Symbole und Interpunktionszeichen abdecken“, erklärt Caroline Schürer. Sie und Claudia Preuß vom dzb lesen sind die Ansprechpartnerinnen für das Projekt in Deutschland. Beide organisieren die Verteilung der Braille-Boxen an Förderschulen und -zentren. Jetzt unterstützen sie die LEGO-Stiftung in Deutschland mit Online-Seminaren, in denen sie das pädagogische Konzept und praktische Übungen mit den Braille-Steinen vorstellen. „Eigentlich waren Schulungen vor Ort vorgesehen“, erzählt Claudia Preuß. „Doch dann kam Corona und wir haben aus der Not eine Tugend machen müssen. In unseren Online-Seminaren per Video stellen wir seitdem die Braille-Box vor, geben Interessierten Tipps für den Einsatz der Braille-Steine. Wir zeigen verschiedene Spiele-Varianten für Anfänger und Fortgeschrittene auf.“ Die Seminare richten sich vor allem an Pädagoginnen und Pädagogen der Förderschulen und -zentren, der Frühförderung und der inklusiven Schulen und Kindergärten.

Bunte Braillesteine auf einem Haufen
Spielideen mit LEGO Braillesteinen

Claudia Preuß und Caroline Schürer haben die Spiele-Anregungen aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und zeigen in ihren Online-Seminaren, wie vielseitig die Braille-Steine eingesetzt werden können. Vorschulkinder und Lese-Anfänger, die kaum Braille-Kenntnisse besitzen, entdecken die Braille-Steine tastend mit den Händen: bauen Türme, positionieren sie unterschiedlich auf der Grundplatte, erkunden, wie viele Punkte auf den Steinen sind und lernen das jeweilige Braille-Zeichen dazu. So kommen sie schon im Vorschulalter mit der Brailleschrift in Berührung. Für Fortgeschrittene, die das Brailleschrift-Alphabet kennen, gibt es Spiele, die zum Rechnen und Lesen motivieren: Zum Beispiel werden Braille-Steine mit gleichen Buchstaben zu Türmen gebaut. Oder die Braille-Steine müssen so aufeinandergesetzt werden, dass die Zahlen 0 bis 9 in der richtigen Reihenfolge erscheinen.

„Kekse verzieren“ oder „Raupen füttern“

In ihren Online-Seminaren suchen Claudia Preuß und Caroline Schürer den Kontakt zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Deren Feedback ist größtenteils positiv. Die Sozialpädagogin Linda Schuster in der Frühförderstelle der blista in Marburg betreut ein sechs Jahre altes geburtsblindes Kind. Sie hat am Online-Seminar des dzb lesen teilgenommen und meint: „Mit den Spiele-Anregungen für Leseanfänger machen die Braille-Steine jetzt mehr Spaß und sind als Vorübung für das Erlernen der Brailleschrift sehr geeignet. Wir haben die Braille-Box noch nicht lange, spielen aber mit viel Freude.“ Wünschen würde sie sich jedoch noch einen Stein mit der Grundform der Brailleschrift, also der Darstellung der zwei mal drei Punkte.

Auch Katja Hemmers von der Irisschule in Münster hat erste Erfahrungen mit der Braille-Box gemacht. Im Online-Seminar erzählt sie, dass sie ein vierjähriges blindes Mädchen fördert. Einige Spiele-Ideen kamen sehr gut an, wie zum Beispiel „Kekse verzieren“. Hier soll ein großer Keks (Grundplatte) mit Schokoladenstücken (Braille-Steine) verziert werden. Das Kind muss nicht nur die Grundplatte erkunden, sondern die Steine so stecken, dass sie auf der gesamten Platte verteilt sind und sich nicht berühren. Immer wieder geht es um phantasievolle Spiele-Ideen: Aus Steinen werden Apfelbäume, deren Äpfel gezählt, Raupen, die gefüttert, Buchstaben-Türme und Zäune, die gebaut werden.

Reger Erfahrungsaustausch ist uns wichtig

Martina Blauhut, Ergotherapeutin und Frühförderin, hat sich die Braille-Steine besorgt, weil sie auch ab und zu blinde Kinder bis sechs Jahre betreut. „Die Spiele-Anleitung finde ich ganz gut. Nur fehlen mir für die praktische Umsetzung zurzeit die Kinder“, meint sie. „Was vor allem der Pandemie geschuldet ist. Unsere Erfahrung ist auch, dass es den Kindern im Vorschulalter schlecht gelingt, die großen Punkte der Braille-Steine auf die viel kleineren Braille-Punkte zu transferieren.“ Eine Erfahrung, von der auch einige andere Pädagogen sprachen. Deshalb empfehlen Experten, dass die Braille-Steine bei geburtsblinden Kindern erst zum Einsatz kommen sollten, wenn sich bei ihnen die Position der Punkte schon eingeprägt hat. Bei sehbehinderten Kindern machen sie von Anfang an Sinn. „Die Steine sind für eine gewisse Zeit im Prozess des Lesenlernens einsetzbar. Sie sind ein unterstützendes Element – niemand wird nur mit Hilfe der Steine die Brailleschrift erlernen“, argumentiert auch Caroline Schürer. Sie und ihre Kollegin Claudia Preuß motivieren die Pädagoginnen und Pädagogen, die Braille-Steine im Unterricht einzusetzen und freuen sich über einen regen Erfahrungsaustausch mit ihnen.

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